EINIGUNGSMECHANIK

 

 

Im letzten Abschnitt haben wir zwar die wichtigsten Phasen definiert, in die der Einigungsprozess sich unserer Anschauung zufolge gliedert, über das "Wie" und "Warum" des Einigungsprozesses, seine innere Mechanik sozusagen, wissen wir immer noch nichts. Wie also bewirkt ein bestimmtes Machtpotential (Großmacht; Supermacht; Megamacht) die politische Einigung der Menschheit?

 

Um das zu verstehen müssen wir uns erinnern, was wir in den Abschnitten "Ganzheit und Teile" und "Identitätsmuster" als Ergebnisse festgehalten haben. Das war zum einen, dass Einheit in unserer Welt der Polarität nicht direkt als Einheit auftreten kann, sondern nur indirekt in Form einer Ganzheit, die sich aus Teilen zusammensetzt. Und das war zum anderen das Konzept eines "Identitätsmusters", wonach jedes Individuum, beginnend beim personalen Ich - als unmittelbarster und kleinster Identitätseinheit - ein Muster vertikal gegliederter, kollektiver Identitätsresonanzebenen in sich trägt.

 

Jede dieser vorgestellten Identitätsresonanzebenen ist dabei mit einem - individuell jeweils unterschiedlichen - bestimmten Maß an psychischer Energie besetzt. Dieser jeweilige Energiebetrag ist dabei "potentielle Energie" bis zu einem Zeitpunkt X, an dem er durch einen äußeren Auslöser aus seinem Ruhezustand "gelöst" bzw. "geweckt" wird. Vor dem Auslösungszeitpunkt also "schläft" dieses Energiepotential, ist gebunden im Unbewussten, und spielt für die bewusste Selbsterfahrung des Identitätsträgers - des menschlichen Individuums also - keine Rolle. "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!", oder, hier vielleicht angebrachter, "was ich nicht empfinde, bewegt mich auch nicht!".

 

Nach dem Auslösungszeitpunkt ist das Energiepotential "entbunden", aus dem Unbewussten ins Bewusstsein entlassen. Dort aber verlangt die "freie Energie" nach neuer Bindung im Sinne einer ihr inhaltlich entsprechenden Form, in deren Aufbau und Erhaltung in der Außenwelt sie abfließen kann. Genau genommen ist es natürlich nicht die Energie, die nach Bindung verlangt, sondern ihr jeweiliger menschlicher Erfahrungsträger, denn "frei vagabundierende psychische Energie" wird als - mehr oder weniger - unangenehm erlebt.

 

Man fühlt sich un-ruhig, un-zufrieden, getrieben... und diesem unangenehmen Zustand entkommt man nur, indem man die besagte psychische Energie in den Aufbau und die Aufrechterhaltung der ihr entsprechenden kollektiven Identitätsform abfließen lassen kann.  

Aufbauend auf diesen beiden Grundbausteinen von "Ganzheit und Teilen" und dem "Identitätsmuster" gestaltet sich das theoretische Konzept des Einigungsmechanismus nun wie folgt:

 

Wir haben eine Anzahl politischer Identitäten, die, wie schon früher dargestellt, als GANZHEITEN, die aus TEILEN bestehen, konkret in Erscheinung treten. Bezogen auf unser Identitätsmuster sollen diese Ganzheiten allesamt eine bestimmte Identitätsstufe bzw. Identitätsqualität repräsentieren - sagen wir, sie alle befinden sich auf der Identitätsstufe "Stamm" bzw. repräsentieren die Identitätsqualität "Stamm".

 

Um das Beispiel etwas konkreter zu fassen, nehmen wir an, es gäbe zehn dieser Stämme, die wir im weiteren mit X1 bis X10 bezeichnen wollen. Diese zehn  politischen Ganzheiten X1 - X10 sind aber nicht nur Ganzheiten, sondern auch wieder potentielle "Teile" einer möglichen "politischen Ganzheit Y", die, gemäß unserem "Identitätsmuster", eine Stufe oberhalb der "Identitätsqualität Stamm" auf der "Identitätsstufe Nation" angesiedelt wäre.

 

In diesem Zusammenhang wollen wir an dieser Stelle ein grundsätzliches Problem noch einmal ausdrücklich hervorheben: Wo immer auch mehrere Ganzheiten derselben Identitätsqualität nebeneinander existieren, besteht zwischen diesen immer ein Konkurrenz- bzw. Rivalitätsverhältnis, das  auf derselben Identitätsebene grundsätzlich nicht aufhebbar ist.

 

Aufhebbar - nicht absolut, aber immerhin relativ - ist dieses Konkurrenzverhältnis nur dann, wenn man, wie in unserem Identitätsmuster dargestellt, ein nach oben offenes System unterstellt, bei dem Ganzheiten einer bestimmten Identitätsqualität immer auch als mögliche Teile einer Ganzheit gedacht werden können, die innerhalb des Identitätsmusters eine übergeordnete Identitätsstufe repräsentiert. Anders ist auch eine politische Einheit der Menschheit konzeptionell überhaupt nicht zu denken.

 

Doch zurück zu unserem Beispiel. Kollektive Identitäten können natürlich nur dann in Erscheinung treten, wenn es reale Personen gibt, in deren Bewusstsein sich diese jeweiligen Identitätserfahrungen ereignen. Diese realen Personen sind also die Identitätsträger - in unserem Beispiel die Identitätsträger des jeweiligen Stamm-Bewusstseins der zehn Stämme.

 

 Zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt es nun zu der Situation, dass bei einer ausreichenden Anzahl Identitätsträger dieser zehn Stämme das Potential psychischer Energie derjenigen politischen Identität, die als übergeordnete Ganzheit unsere zehn Stämme als "ihre Teile" integrieren könnte, vor dem Durchbruch vom Unbewussten zum Bewusstsein steht. Um diesen Durchbruch, und damit den Durchbruch zu tatsächlicher politischer Gestaltung, vollziehen zu können, bedarf es eines geeigneten Reizes aus der Außenwelt.

 

Dieser "geeignete Reiz" ist in unserem Zusammenhang immer mit der Etablierung eines qualitativ neuen Potentials "politischer Macht" auf der politischen Weltbühne verbunden. Und dazu haben wir ja bereits im vorigen Kapitel festgestellt, dass es jeweils zwei politische Identitäten sind, die, als Antagonisten, jeweils zu Beginn einer neuen, durch ein bestimmtes Machtpotential gekennzeichneten, Epoche in einer Phase harter dualer Konkurrenz (= heißer oder kalter Krieg) das neue Potential und damit die neue Epoche etablieren.

 

Für die Großmachtphase waren dies Großbritannien und Frankreich, und die Phase harter dualer Konkurrenz waren die Napoleonischen Kriege. Für die Supermachtphase waren die Konkurrenten die UdSSR und die USA, und die entsprechende Phase harter Dualität war der "Kalte Krieg" (mit immerhin etlichen "heißen" Stellvertreterkriegen). Dabei sehen wir eine weitere Parallelität auch noch darin, dass es jedes Mal die ersten 25 Jahre der Gesamtepoche waren, in denen die Konkurrenz eskalierte. Vom Beginn der Französischen Revolution 1789 bis zur endgültigen Verbannung Napoleons 1815, sind es fast genau 25 Jahre. Und vom Beginn des Kalten Krieges 1948 bis zum Beginn der Entspannungspolitik Anfang der Siebziger Jahre sind es ebenfalls fast 25 Jahre.

 

Werden wir wieder etwas abstrakter und bezeichnen wir die beiden konkreten politischen Mächte, die ein neues epochenbestimmendes Machtpotentials politisch zum Ausdruck bringen sollen, ebenfalls abstrakt als NM1 und NM2, wobei NM einfach für "Neue Macht stehen mag. Nun besteht zwischen NM1 und NM2 - analog dem elektrischen Feld zwischen elektrischem Plus- und Minuspol - ein politisches Kraftfeld, dessen Stärke eben der neuen Kapazität politischer Macht entspricht, die NM1 und NM2 repräsentieren. Und diesem Feld mehr oder weniger stark ausgesetzt sind, abhängig von ihrer geopolitischen Lage, alle anderen politischen Identitäten, deren Kapazität geringer ist als die von NM1 und NM2 - wozu auch unsere zehn Stämme X1 - X10 gehören.

 

Die Macht von NM1 und NM2 ist aber gleichzeitig die Ohnmacht aller kleineren politischen Identitäten. Und da politische Ohnmacht kein sonderlich angenehmer Zustand ist, liegt es nahe, dass man nach Wegen sucht diesem Zustand zu entkommen. Der letztlich einzig erfolgversprechende Weg aus der Ohnmacht, ist dabei der Zusammenschluss mehrerer kleiner politischer Identitäten zu einer politischen Identität gleicher oder sogar noch größerer Machtkapazität, wie der von NM1 und NM2.

 

Und so erweist sich die Ohnmachtserfahrung als der "geeignete Reiz", um im Bewusstsein der Identitätsträger unserer zehn Stammesidentitäten X1 - X10 dem "Nation-Bewusstsein Y"  zum Durchbruch zu verhelfen. Diese Erfahrung ist also bei allen Identitätsträgern der zehn unterschiedlichen Stammesidentitäten gleich: Sie alle erfahren die Ganzheitsidentität "Nation Y" als für sich gültig! Und genau deshalb kann das in dieser Erfahrung entbundene Potential an psychischer Energie in die Schaffung einer, eben dieser gemeinsamen Erfahrung entsprechenden, gemeinsamen Staatsform auch wieder gebunden werden.

 

Vergleichen wir unsere theoretischen Überlegungen mit dem tatsächlichen Geschichtsverlauf in den ersten 25 Jahren der Großmacht- und Supermachtepoche, um zu sehen inwieweit die Theorie mit der Praxis übereinstimmt: Während des ersten Vierteljahrhunderts der Großmachtepoche führte die Alpharollenkonkurrenz der Großmächte Frankreich und Großbritannien im Zuge der Napoleonischen Kriege unter anderem zur Besetzung der verschiedenen damaligen deutschen Staaten.

 

Diese Ohnmachtserfahrung war das wegbereitende Ereignis für den Durchbruch des deutschen Nations-Bewusstseins, das dann seine politische Form im Nationalstaat des II. Deutschen Reiches von 1871 fand. Einer politischen Identität, deren Kapazität größer als die Frankreichs oder Großbritanniens (wir lassen bei der Bewertung der Kapazität die Kolonien außer Betracht, und beschränken uns auf die Staaten an sich), aber kleiner als die der USA oder der noch kommenden UdSSR war.

 

Während des ersten Vierteljahrhunderts der Supermachtphase führte die Alpharollenkonkurrenz der Supermächte USA und UdSSR unter den Staaten Europas, die zu einem eigenständigen politischen Handeln noch in der Lage waren, mit der Gründung der EWG zur Keimzelle eines politisch geeinten Europa - das zwar immer noch nicht verwirklicht ist, dem wir uns aber doch zu schätzungsweise 65% angenähert haben.

 

Dabei führte zum einen die Spannung des gerade frisch ausgebrochenen Kalten Krieges (als Stich-Worte mögen hier "Berlin-Blockade" und "Korea-Krieg" genügen) zum Durchbruch eines  europäischen Identitätsbewusstseins in der Bevölkerung vieler europäischer Staaten. Zwar geschah dies in der etwas diffusen Form einer naiven Europabegeisterung, aber es etablierte sich die für eine tatsächliche politische Umsetzung unerlässliche langfristige positive Grundstimmung einem geeinten Europa gegenüber.

 

Zum anderen bewirkte das gleiche politische Spannungsfeld zwischen den Supermächten in der jeweiligen politischen Klasse der dann an der Gründung der EWG beteiligten Länder die Erkenntnis der politischen Ohnmacht ihrer klassischen europäischen Nationalstaaten gegenüber der Kapazität der neuen Supermächte, sowie die weitere Erkenntnis, das dem nur durch einen, wenn auch zunächst nur ökonomischen Zusammenschluss auf europäischer Ebene, begegnet werden könne.

 

Fazit: Sowohl in der Großmacht- als auch in der Supermachtepoche folgt die politische Entwicklung einem politischen Grundmuster, das mit unserem oben dargestellten Konzept übereinstimmt. In beiden Fällen entsteht durch die Spannung zwischen den zwei Alpharollenkonkurrenten, die ein bestimmtes, jeweils epochenprägendes, Potential an politischer Macht sozusagen "interpretieren", eine Ohnmachtserfahrung für eine Anzahl kleinerer politischer Identitäten, die aber gleichzeitig auch mögliche Teile einer möglichen, nur zu diesem Zeitpunkt eben noch nicht realisierten,  gemeinsamen politischen Ganzheit sind.

 

Diese "politische Ohnmachtserfahrung" stellt dann den "geeigneten Reiz" dar, der Erfahrung einer übergeordneten politischen Identität im Bewusstsein der Identitätsträger dieser kleineren Staaten zum Durchbruch zu verhelfen. Einer politischen Identität, die als politische Ganzheit in der Lage wäre all die kleineren Staaten als Teile zu integrieren. Der Bewusstseinsdurchbruch dieser Identitätserfahrung stellt dabei die Grundvoraussetzung dar für den nun möglichen schrittweisen Aufbau dieser neuen politischen Ganzheit, deren Kapazität letztlich über der der Alpharollenkonkurrenten ihrer Epoche, aber unterhalb derjenigen der Alpharollenkonkurrenten der nächsten Epoche liegt.

 

Und aufgrund der analogen Logik (die wohlgemerkt keine kausale Logik ist, sondern eben dem Gesetz der Analogie folgt!) können wir für die Megamachtepoche den erneuten Ablauf des gleichen Grundmusters voraussagen. Es wird wieder eine Eingangsphase extremer dualer Konkurrenz zwischen den beiden Megamächten von rund 25 Jahren Dauer geben.

 

Und es wird wieder eine Anzahl kleinerer politischer Identitäten geben, die unter dem Druck der politischen Ohnmachtserfahrung ihre Zugehörigkeit zu einer übergeordneten politischen Identität entdecken, die, würde sie im Sinne eines konkreten Staates realisiert, die betroffenen Staaten aus ihrer Ohnmacht befreien und zu eigenständiger Schicksalsgestaltung wieder befähigen würde.

 

Womit die Frage beantwortet wäre, wie dieses bis heute unbewusst ablaufende Einigungsmuster zu einer politisch geeinten Menschheit führt: Die aus der harten Spannungsphase der beiden Alpharollenkonkurrenten sozusagen als Ergebnis schließlich entstehende politische Identität, wächst ja mit den jeweiligen Herausforderungen bzw. Herausforderern. In der Großmachtepoche war die "Ergebnisidentität" (das II. Deutsche Reich also) ein "National-Staat"; in der Supermachtepoche ist diese "Ergebnisidentität" bereits ein "kontinental-staatliches Gebilde"... - und in der Megamachtepoche wird es logischerweise ein "planetares Staatsgebilde" sein müssen!

 

Die Frage ist daher nicht, ob das geschehen wird, sondern wie und unter welchen Bedingungen es geschehen wird? Die Frage nach dem "Wie" meint: Wird die Formierung der "Ergebnisidentität" mit einem Maximum an Bewusstheit ablaufen, als ein möglicherweise bereits in unserem politischen Heute angelegter Prozess? Oder wird sie mit einem Minimum an Bewusstheit ablaufen - als ein Prozess also, der erst in Gang käme, wenn die Konfliktspannung zwischen den beiden Megamächten so groß geworden wäre, dass man sich wirklich nicht mehr um eine Reaktion herumdrücken könnte?

 

Wie eine mögliche Variante der ersten Möglichkeit aussehen könnte, haben wir dabei im Kapitel "Entwicklungsalternative TERRANIA-Programm" darzustellen versucht. Was dabei die konkreten politischen Bedingungen angeht, unter denen der Einigungsprozess stattfinden wird, lässt sich, soweit es die Phase erwartbarer harter dualer Konfrontation der beiden Alpharollenkonkurrenten der Megamachtepoche betrifft, zumindest soviel sagen: Es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass diese anfängliche extreme Spannungsphase als "Heißer" denn als "Kalter Krieg" stattfinden wird. Warum das so ist, versuchen wir im nächsten Kapitel darzustellen

 

 

vorherige Seite: Großmacht, Supermacht, Megamacht   HOME   nächste Seite: Machtpotenzial und Raumdimension