Die Kategorie "politische Macht"

 

 

Man kann politische Identitäten nach unterschiedlichsten Kategorien ordnen. Die Kategorie, deren wir uns in dieser Hinsicht bedienen wollen, heißt "politische Macht". Und zwar ganz einfach deshalb, weil wir sie für die geeignetste Kategorie halten, um die innere Ablaufstruktur des Einigungsprozesses zu verdeutlichen. Die Kategorie "politische Macht" kennt dabei vier klassische Indikatoren:

 

                                   1.    Bevölkerungspotential

                                   2.    Wirtschaftspotential

                                   3.    Militärpotential

                                   4.    Raumpotential (= Größe des Staatsgebietes)

 

In früheren Zeiten galten die beiden letzten Indikatoren als die wichtigsten. Heute hat sich dieses Verhältnis nahezu umgekehrt und die beiden ersten Indikatoren sind die entscheidenden. Warum?

 

Das Bevölkerungspotential ist identisch mit der Anzahl der "Wirtschaftssubjekte" - also aller Personen, die produzieren und konsumieren können (als "Potenzial" wohlgemerkt). Und die Zahl aller Wirtschaftssubjekte definiert die Größe des Binnenmarktes. Da der Binnenmarkt aber nicht fremder, sondern eigener Hoheit unterliegt, ist eine politische Identität in der Verwendung der auf diesem Markt erwirtschafteten Ergebnisse (egal, ob finanzielle oder technologische Ergebnisse) wenigstens im Prinzip unabhängig von den Interessen und Meinungen anderer Identitäten.

 

Müssten die gleichen Mittel auf Exportmärkten, innerhalb der Rechtsbereiche fremder Staatssubjekte also, erwirtschaftet werden, wäre der exportierende Staat viel abhängiger von den politischen Interessen dieser Staaten, denn im Extremfall einer harten, dualen Konfrontation (= kalter oder heißer Krieg), könnte man ihn vom Zufluss neuer Mittel schon dadurch abschneiden, dass man ihm seinen Zugang zu den Exportmärkten blockiert. Eine Strategie, die nur dann nicht funktionieren kann, wenn das zu isolierende Land so arm ist, dass man ihm auch durch ökonomische Isolation praktisch nichts mehr nehmen kann, oder wenn das zu isolierende Land größer ist als die Länder, die es isolieren wollen, da der zu erwartende ökonomische Schaden in diesem Fall für die isolierenden Länder größer wäre als für das "isolierte" Land.

 

Ergänzend sei hierzu angemerkt: Absolute Unabhängigkeit im Sinne einer Autarkie, die völlige Abgeschlossenheit gegenüber der Umwelt mit einer überlegenen naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung (als notwendige Voraussetzung zur Erlangung von "Macht über die Welt" im Sinne äußerer Realität) verbindet, gibt es nicht und ist hier auch nicht gemeint.

 

Gemeint ist damit vielmehr eine Situation, in der eine staatlich organisierte politische Identität während einer gewissen Zeitspanne (die einige Jahrzehnte dauern kann) ihre eigene Wertschöpfungsspirale zu einem so hohen Prozentsatz aus ihren internen menschlichen und materiellen Ressourcen decken kann, dass äußere Einflussnahme mit den klassischen Instrumenten militärischer (Be-)Drohung oder ökonomischer Erpressung ins Leere laufen.

 

Sprechen wir also von "Unabhängigkeit" bei der Verwendung von Mitteln (welcher Art auch immer), die allein durch wirtschaftliche Tätigkeit auf dem Binnenmarkt gewonnen wurden, so meinen wir auch hier letztlich "relative" Unabhängigkeit. Die Relation kann allerdings von einer Qualität sein, die absoluter Unabhängigkeit unangenehm nahe kommt. 

 

Die enorme Bedeutung der Bevölkerungsgröße im Sinne der Kategorie "politische Macht" liegt also darin, dass sie das Grundpotential ebendieser politischen Macht ist. In einem Beispiel:

 

 

Wenn ich die Materialien habe, eine Stadt zu bauen, heißt das noch nicht, dass ich auch die Fähigkeit habe, dergestalt mit den Materialien umzugehen, dass als Ergebnis auch eine Stadt herauskommt - und nicht etwa nur ein windschiefes Häuschen. Wenn ich aber nur die Materialien habe, ein Haus zu bauen, dann kann ich noch so geschickt mit diesen Materialien umgehen - es wird dennoch niemals eine Stadt herauskommen.

 

 

Genau diesem "Grundbestand an Materialien" des obigen Beispiels entspricht der Parameter "Bevölkerungsgröße. Auf eine Formel gebracht heißt das also: Geringes Potenzial an Bevölkerung = Geringes Potential an politischer Macht. Ob aus einem vorhandenen "Potential" allerdings auch ein "Real" wird, entscheidet die Art des Umgangs mit diesem Potential. Diese Qualität des Umgangs mit dem vorhandenen Potential zeigt sich im zweiten Indikator "Wirtschaftskraft".

 

Wer beide Indikatoren - die "Bevölkerungsgröße" und die "Wirtschaftskraft" - in der realen politischen Welt beobachtet, beispielsweise bei den Tigerstaaten Südostasiens und der VR China, wird sofort verstehen, warum die Wirtschaftskraft "nur" zweitwichtigster Indikator ist.

 

Die Art des Wirtschaftens, der Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Potential also, kann sich in (historisch gesehen) kürzester Zeit derart schnell ändern, dass ein Staat in ein bis zwei Generationen (25 - 50 Jahre) vom Armenhaus zum Industriestaat mit bescheidenem Wohlstand werden kann. Aber ein Staat wie Südkorea etwa (ca. 45 Millionen Einwohner) kann weder in 50 noch in 200 Jahren das Bevölkerungspotential Chinas (derzeit 1,3 Mrd. Einwohner) erreichen.

 

Weil sich also die ökonomische Nutzung eines bestimmten Potentials in einem historisch sehr kurzen Augenblick revolutionär ändern kann, die Änderung des Potentials als solchem aber auch nicht annähernd in der gleichen Zeit (zumindest nicht in der klassischen Weise des Geburtenüberschusses der identitätstragenden Bevölkerung) erfolgen kann, kommt dem Parameter "Wirtschaftskraft" erst der zweite Rang hinter der "Bevölkerungsgröße" zu.

 

Drittwichtigster Parameter der Kategorie "politische Macht" ist der Indikator "Militärpotential". Seine generelle Bedeutung, die wohl immer gegeben sein wird, dürfte für jeden leicht einsehbar sein: Wenn ich der reichste Mensch der Welt bin, werde ich das nicht lange bleiben, wenn mir jeder, der Lust dazu verspürt, unter Androhung/Anwendung von Gewalt von meinem Reichtum nehmen kann, was immer er wegzutragen in der Lage ist.

 

Will ich also meinen Besitz - verdient oder unverdient - behalten, muss ich in der Lage sein, selbst nötigenfalls Gewalt anwenden zu können - oder ich bin die längste Zeit besitzend gewesen. Und wer auch immer jener fiktive Mensch gewesen sein mag, der als erster mit dieser Frage konfrontiert wurde: Die Notwendigkeit, sich dieser Problematik - sich nämlich gegen Übergriffe schützen zu müssen - zu stellen, darf man wohl als Beginn des Aufbaus militärischen Potentials betrachten.

 

Nun leben wir nicht mehr in der Zeit von Faustkeil und Feuerstein, sondern in einer Zeit, in der der Systempreis eines modernen Kampfflugzeuges bereits über 50 Millionen und teilweise sogar über 500 Millionen US$ (Stealth-Bomber B2) liegt (das ist die Hälfte des BSP von Französisch Guyana). Entwicklung, Beschaffung, Unterhalt und möglicher Ersatz eines solchen Waffensystems sind nur durch leistungsfähige Volkswirtschaften möglich, die die notwendigen technischen und finanziellen Mittel bereitstellen können.

 

Da man zudem gerade im militärischen Bereich nur dann eine Macht sein kann, wenn man die Mittel, die man einzusetzen gedenkt, unabhängig von fremden Interessen zur Verfügung hat, muss man über ein entsprechendes Bevölkerungspotential und eine entsprechende Wirtschaftskraft verfügen, um sich aus eigener Kraft ein Militärpotential schaffen zu können, das der Kapazität dieser beiden ersten Parameter entspricht.

 

Ist also das Bevölkerungspotential im ökonomischen Sinne aktiviert und somit die sich selbst tragende Entwicklungsspirale aus kontinuierlich wachsenden (Unternehmens-) Gewinnen und (Verbraucher-)Einkommen erst einmal in Gang gesetzt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Staat mit der größten Bevölkerung auch das größte Volkseinkommen und damit, über das entsprechende Steueraufkommen, auch den größten Staathaushalt hat.

 

Wer aber den größten Staatshaushalt hat, der kann sich - oh Wunder - auch das größte Militärpotenzial leisten. Da dies jedoch, wie soeben hoffentlich hinreichend erläutert, die Indikatoren erstens (Bevölkerungsgröße) und zweitens (Wirtschaftskraft) zur Voraussetzung hat, steht der Parameter "Militärpotenzial" eben erst an dritter Stelle.

 

Der letzte Indikator, die "Fläche des Staatsgebietes", kommt schon deshalb erst an vierter Stelle, weil er unter den Bedingungen der heutigen Zeit, und erst recht unter den absehbaren Bedingungen künftiger Zeiten, seinen früheren militärischen Wert als Rückzugs- und Reorganisationsraum nahezu verloren hat

 

Wohin soll sich eine Armee oder gar eine bedrohte Zivilbevölkerung zurückziehen, wenn das Verhältnis von Waffenwirkungsreichweite zu Raumgröße dergestalt ist, dass buchstäblich jeder Fleck auf diesem Planeten mit Waffenwirkung belegt werden kann. Es ist dies keine originär technische Frage mehr, sondern lediglich eine Frage des dahinter stehenden politischen Willens.

 

Und auch der Wert als Lieferant von Bodenschätzen ist eher zweifelhaft. In einem wirklich großen Konflikt wird die Entscheidung im wesentlichen mit den gerade aktuellen Potentialen gesucht und gefunden werden müssen, weil natürlich auch alle industriellen Potentiale, die zum Aufbau bzw. zum Ersatz verbrauchten militärischen Potentials benötigt werden, ja ebenfalls jederzeit gegnerischer Waffenwirkung zugänglich sind, d.h. zerstört werden könnten bzw. würden.

 

Die Kette, an deren Ende das nutzbare militärische Potential steht, würde also entweder im Verarbeitungsbereich oder im Gewinnungsbereich der Bodenschätze unterbrochen - das einmal verbrauchte Militärpotential könnte nicht mehr oder nur noch rudimentär ersetzt werden. Da der Faktor "Raum" also seinen in dieser Hinsicht klassisch-strategischen Wert verloren hat, bleibt ihm lediglich seine Funktion als psychologischer Wert - deshalb für ihn nur der vierte Platz unter den vier Indikatoren der Kategorie "politische Macht".

 

 

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