Ganzheit und Teile
Zweites Grundelement unserer Weltanschauung ist unser Verständnis
von Ganzheit und Teilen. Zumindest dem Wortlaut nach haben Sie wohl mit diesem
Prinzip schon einmal Kontakt gehabt, denn jeder kennt wohl den Satz "Das
GANZE ist mehr als die SUMME seiner TEILE".
Das klingt gut, schmeckt gut, kommt gut ‑ ist jedoch
von überraschend geringem Nährwert, wenn
man zu fragen beginnt, worin es denn eigentlich besteht ... ‑
dieses "mehr", dass das "Ganze" von der "Summe" seiner
"Teile" unterscheiden soll?
Zur Klärung dieser Frage zunächst ein konkretes
Beispiel: Stellen Sie sich dazu bitte ein Blatt Papier vor - durch einen Strich
in der Mitte in zwei Hälften geteilt. Nun stellen Sie sich in der linken Hälfte
eine Darstellung Deutschlands nur in seinen äußeren Grenzen vor - das Innere
dieser Form bleibt dabei leer. Und in der rechten Hälfte stellen Sie sich bitte
eine Darstellung Deutschlands in seinen äußeren Grenzen mit den Grenzen seiner Bundesländer im Inneren vor.
Beide Vorstellungen zeigen Deutschland, dennoch
unterscheiden sie sich. Frage also: Worin unterscheiden sie sich? Das linke
Bild ist die symbolische Darstellung von Deutschland als Einheit ‑
das rechte Bild dagegen ist die symbolische Darstellung Deutschlands als
Ganzheit. Kennzeichen von Einheit ist Unterschiedslosigkeit. Entsprechend
zeigt die Darstellung links lediglich die äußeren Grenzen Deutschlands, als
Symbol der Form. Innen ist sie "leer" ‑ eben unterschiedslos.
Da Einheit aber in unserer polaren Welt nicht direkt
umsetzbar ist, kann sie nur indirekt umgesetzt werden. Diese spezielle Umsetzungsform
von Einheit zeigt symbolisch die
rechte Darstellung: Als Ganzheit, die aus Teilen besteht. Entscheidend
dabei: Ganzheit und Teile definieren zwei hierarchisch unterschiedliche
Ebenen, wobei die Ebene der Ganzheit der Ebene der Teile über-geordnet ist.
Bezogen auf das rechte Bild des obigen Beispiels müssten wir also Deutschland
auf die Ebene der Ganzheit, die Bundesländer auf die Ebene der Teile
projizieren:
Ebene der
Ganzheit
|
D E U T S C H L A N D
|
|
Ebene der
Teile |
BAYERN; SACHSEN; HESSEN |
Oder
abstrakt dargestellt:
|
Ebene der
Ganzheit |
G A N Z H E I T A
|
|
Ebene der
Teile |
Teil A1,
Teil A2, Teil A3, ..... |
Dieses Muster ist nun aber nicht nur auf die beiden im
Schaubild dargestellten Ebenen begrenzt, sondern lässt sich nach unten hin
fortsetzen bis zur Ebene der individuellen Person, während es nach oben hin
"offen" ist und seine Grenze nur in der praktischen Organisierbarkeit
größerer Ganzheiten findet. Wieder konkretes Beispiel Bundesrepublik: Die
"Länder" sind ja nicht nur "Teile" der "Ganzheit
Bundesrepublik Deutschland", sondern auch ihrerseits wieder
"Ganzheiten" hierarchisch tiefer stehender Einheiten ‑ der
Kreise und Kommunen nämlich.
Und auch die Bundesrepublik Deutschland ist nicht nur
"Ganzheit" gegenüber den Bundesländern als ihren "Teilen",
sondern, zusammen mit anderen Ganzheiten, auch ihrerseits wieder
"Teil" einer sie integrierenden, übergeordneten "Ganzheit":
Der Europäischen Union. Jede "Ganzheit" kann also gleichzeitig auch
"möglicher Teil" einer sie wiederum integrierenden, übergeordneten
"möglichen Ganzheit" sein. Und jeder "Teil" kann
gleichzeitig auch "Ganzheit" sein für "Teile", die sich
unterhalb der Hierarchieebene befinden, die er selber definiert.
Auch dazu nochmals eine kleine Skizze:
Ebene der
Ganzheit: GANZHEIT X (die
auch "Teile"-Ebene einer möglichen, übergeordneten Ganzheit sein
kann)
Ebene der
Teile: Teil X1=Ganzheit
A; Teil X2=Ganzheit B; Teil X3=Ganzheit
C; (die auch "Ganzheitsebene" für untergeordnete
"Teile" ist)
Ebene der
Teile: Teil A1, Teil A2
....Teil An ........ Teil C1, Teil C2 ...
Teil Cn (die wiederum
"Ganzheitsebene" für weniger integrierte "Teile" sein kann)
Nun haben wir ja schon zu Anfang "Ganzheit"
als spezielle Darstellungsform von Einheit definiert, die eben
"Einheit" innerhalb der Polarität ausdrücken soll. Und wir haben
gerade eben gesagt, dass die "Teile" einer "Ganzheit" eben
nur "Teile" in bezug auf die Ebene der "Ganzheit" sind. Auf
ihrer eigenen Ebene sind die "Teile" einer "Ganzheit" auch
wieder "Ganzheiten", die wiederum aus "Teilen" einer
tieferen Hierarchieebene bestehen
Damit sollte die Antwort auf die eingangs gestellte
Frage, worin denn eigentlich das "mehr" des "Ganzen"
gegenüber der "Summe seiner Teile" besteht, langsam klar werden.
Denn: Bilden wir die Summe der Teile einer Ganzheit, so addieren wir ja
"Teil1 + Teil2 + Teil3 .... + Teiln =
Summe der Ganzheit", und bleiben
damit aber immer auf der gleichen Ebene ‑ der Ebene der Teile
nämlich.
Im
Beispiel der Bundesrepublik hieße das: Wenn wir die Summe aller Bundesländer
bilden, erhalten wir ... 16 Länder! Wenn wir dagegen nicht die "Summe der
Teile einer Ganzheit", sondern das "Ganze einer Ganzheit"
bilden, addieren wir nicht mehr "waagerecht" - in der Ebene der
"Teile" bleibend -, sondern wir addieren sozusagen
"senkrecht" und überwinden, im Ergebnis der Ganzheit, die
(Höhen-)Differenz zwischen zwei "Ganzheits‑Niveaus", die ein je
unterschiedliches Maß an Einheit repräsentieren!
Das "mehr", welches das
"Ganze" von der "Summe seiner Teile" unterscheidet, ist
also letztlich ein "mehr an Einheit", da das "Ganze" bzw.
"Ganzheit" ja aus unserer Sicht eine spezielle Darstellungsform von
"Einheit" ist, ist es letztlich eben das "mehr an Einheit",
der "Betrag an Einheit" sozusagen (und damit an Integrationskapazität
eben dieser Einheit), um den die Ebene der Ganzheit die Ebene ihrer Teile (bzw.
deren Summe) übersteigt.
Der praktische Nährwert? Die Polarität zwischen Ganzheiten einer bestimmten Ebene kann
niemals auf dieser gleichen Ebene
überwunden werden ‑ wie etwa bei der UNO oder allen ähnlichen
Formen "zwischenstaatlicher Kooperation", weil diese ja immer auf
"der gleichen Ebene" bleiben wie die Ganzheiten zwischen denen die
Polarität besteht. Sie können damit immer nur "ausgleichen" oder
"vermitteln" ‑ niemals aber "integrieren"!
Überwunden werden kann dieser Zustand des
"Nur-Vermittelns" immer nur durch eine Ganzheit, die eine größere
Einheit und damit ein "höheres" Ganzheitsniveau repräsentiert, denn
nur sie kann ja das "mehr an Einheit" und damit
"Einigungskapazität" haben, die die Bedingung für tatsächliche
Integration ist. Und das erlaubt einen weiteren wichtigen Schluss: Wo immer politische Ganzheiten sich in dualer
Konkurrenz gegenüberstehen, muss es ‑ eben nach dem Prinzip von
"Ganzheit und Teilen" ‑ eine mögliche politische Ganzheit geben, die diese
"Ganzheiten" als "ihre Teile" zu integrieren in der
Lage ist!
Man muss sie nur noch finden! Und da liegt das Problem.
Denn: Die Ganzheiten selber, die in Konkurrenz zueinander stehen, müssen sie
finden. D.h. sie, bzw. ihre Identitätsträger,
müssen in Resonanz zu dieser möglichen übergeordneten Ganzheit kommen,
und sich freiwillig als "Teile dieser übergeordneten Ganzheit"
definieren. Und damit sind wir beim dritten Schluss: "Teile"
müssen "ihre Ganzheiten" tragen! Das heißt, sie müssen sie "erkennen" und anerkennen, um
sich freiwillig ihrem Gesetz unterordnen zu können.
Die andere Möglichkeit, dass nämlich Ganzheiten sich
ihren Teilen aufzwingen, die "Teile" also zwingen sie zu tragen,
garantiert den Zusammenbruch der betreffenden Ganzheit in dem Moment, in dem
sie ihre "Zwingkraft" (sei sie ideologisch, militärisch oder sonst
wie definiert) verlieren: Die "Teile", die sich nie als "Teile
dieser Ganzheit" empfunden haben, sind nicht bereit diese Ganzheit
freiwillig zu tragen. Sie gehen ihrer Wege ‑ und die Ganzheit bricht
zusammen. Als noch relativ unblutiges Beispiel aus der Realität mag man den
Zusammenbruch der UdSSR nehmen ‑ die blutige Variante konnte man in der
zusammengebrochenen Ganzheit namens Jugoslawien erleben.
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