Eine der fundamentalsten Erkenntnisse auf dem
Gebiet der Heilkunde ist die Homöopathie, wie sie von Samuel Hahnemann
(1755-1843) in ihrer gültigsten Form entwickelt und weitergegeben wurde. Seit
ihrem Bestehen wurde die Homöopathie bis heute von ihren Gegnern ebenso
leidenschaftlich bekämpft wie von ihren Anhängern vertreten. Wir werden uns im
folgenden etwas ausführlicher mit der Homöopathie beschäftigen. Nicht nur, weil
in einer Zeit aktueller Gefahr von seiten der Gesetzgeber (das Buch wurde 1978
veröffentlicht - Anm. d. Verf.) ein Verständnis gerade der nichtärztlichen
Kreise dringend erforderlich erscheint, sondern vor allem deshalb, weil die
Homöopathie weit mehr als eine bloße Therapiemethode ist.
Bei näherer Betrachtung wird sich die Homöopathie
als das wahre Heilsprinzip dieses Universums entpuppen. Erst um dieser
Bedeutung willen erhält auch die konkrete therapeutische Anwendung ihre
Legitimation. Des Weiteren soll an diesem Beispiel gezeigt werden, wie das
esoterische Weltbild in der Lage ist, Wirkzusammenhänge einfach und klar
aufzuzeigen, die für den materiell denkenden Menschen logische Unmöglichkeit zu
sein scheinen.
Die Hauptangriffe richten sich meist gegen die
Herstellungsart der homöopathischen Arzneimittel. Ein derartiges Medikament sei
"so stark verdünnt", dass es kaum mehr Wirkstoffe enthalten könne.
Mit auffallender Unbelehrsamkeit
demonstriert die Presse diesen Vorgang der Öffentlichkeit an dem
Beispiel, dass man einen Tropfen einer Substanz in den Bodensee oder die
Nordsee tut, symbolisch umrührt und behauptet, ein an der anderen Uferseite
entnommenes Fläschchen Wasser entspräche nun etwa der homöopathischen
Verdünnung D 30. Noch wissenschaftlicher wird die Beweisführung, wenn man in
der Apotheke fünf verschiedene homöopathische Medikamente kauft, diese mit
modernen Geräten bis in die Atomstruktur analysiert, nur um dann festzustellen,
dass alle fünf Fläschchen lediglich Alkohol mit einigen Unreinheiten
enthielten.
Der Betrug ist entlarvt, und man fordert "im
Interesse der Öffentlichkeit" lautstark den Gesetzgeber auf, endlich gegen
ihn reglementierend einzuschreiten.
Um nicht weiterhin Opfer dieser an der Homöopathie
völlig vorbeigehenden Argumentation zu bleiben, wollen wir zuerst der
Herstellung eines homöopathischen Arzneimittels zuschauen. Ausgangsstoff für
ein Medikament kann fast alles sein, was an Stoffen in dieser Welt vorkommt,
aber man beschränkt sich primär auf die Stoffe aus den drei Naturreichen:
Mineralien, Tiere, Pflanzen
Wählen wir als Beispiel die Tollkirsche Belladonna
(Bell.). Aus dieser pflanzlichen Frucht wird eine Tinktur hergestellt, die den
Ausgangsstoff darstellt und deshalb auch Urtinktur genannt wird (Symbol = ). Von dieser Urtinktur nimmt man nun einen Teil
und gibt dazu 10 Teile Lösungsmittel, wie zum Beispiel Alkohol, um beides
miteinander zu verschütteln. Dieses Schütteln, das, genau gesagt, aus einer
bestimmten Anzahl von Schüttelschlägen besteht, nennt man Potenzieren. Das
Endergebnis dieses Vorgangs heißt nun Bell. D 1, das ist die erste
Dezimalpotenz der Pflanze Belladonna. Von dieser Bell. D 1 nimmt man wiederum
einen Teil und verschüttelt ihn mit 10 Teilen Lösungsmittel und erhält so Bell.
D 2. Dieser Vorgang des Potenzierens wiederholt sich fortlaufend, was zu folgendem
Schema führt:
1 Teil Bell.
+ 10 Teile Alkohol = Bell. D
1
(Verhältnis 1:10)
1 Teil Bell.
D 1 + 10 Teile Alkohol = Bell. D 2
(Verhältnis 1:100)
1 Teil Bell.
D 2 + 10 Teile Alkohol = Bell. D 3
(Verhältnis 1:1000)
1 Teil Bell.
D 3 + 10 Teile Alkohol = Bell. D 4
(Verhältnis 1:10000)
1 Teil Bell.
D 4 + 10 Teile Alkohol = Bell. D 5
(Verhältnis 1: 100000)
1 Teil Bell.
D 5 + 10 Teile Alkohol = Bell. D 6
(Verhältnis 1.1 Million)
1 Teil Bell.
D 6 + 10 Teile Alkohol = Bell. D 7
(Verhältnis 1:10 Millionen)
*
*1 Teil Bell.
D 29 + 10 Teile Alkohol = Bell. D 30
(Verhältnis 1: 1 Quintillion)
Wir beenden hier unsere Tabelle mit D 30, obwohl
die Potenzierung eines Arzneimittels hier bei weitem noch kein Ende finden
muss. Jedes Arzneimittel ist in den verschiedensten Potenzen erhältlich, man
kann Belladonna D 3 genauso erhalten wie Bell. D 12, D 30, aber auch D 200, D
500, D 1000, D 10000. Belladonna D 200 entspricht nach obigem Schema einem
Verhältnis von einem Teil Bell. zu so vielen Teilen Alkohol, wie die Zahl 1 mit
200 Nullen ausdrücken würde.
Nun weiß man jedoch, dass bei der D 23 bereits kein
einziges Molekül der Ursubstanz (in unserem Fall Bell.) mehr vorhanden sein
kann. Alles, was aber der D 23 noch geschieht, ist ein rituelles Verschütteln
von Alkohol. Eine Belladonna D 30 unterscheidet sich von Belladonna D 200,
chemisch gesehen, durch absolut gar nichts - beides ist reiner Alkohol und
verdient, so gesehen, gar nicht die Aufschrift "Belladonna". Dennoch
arbeitet die Homöopathie mit diesen "hohen Potenzen" - Hahnemann
benutzte fast ausschließlich die dreißigste Potenz und führte damit alle Kuren
durch.
Der Gegner der Homöopathie freut sich, da hiermit
bewiesen ist, dass man mit "nichts" arbeitet. Der echte Homöopath
aber benützt die D 30, damit er sicher ist, dass er nicht mehr mit Materie
arbeitet.
Der Vollständigkeit halber sollte man hier
erwähnen, dass es auch noch die sogenannten C-Potenzen gibt
(Centesimalpotenzen), bei denen pro Potenzschritt im Verhältnis 1:100 (statt
1:10 bei den D-Potenzen) verschüttelt wird. Bei den C-Potenzen, die eigentlich
die ursprünglicheren sind und denen auch deshalb der Vorzug zu geben ist,
verlässt man natürlich noch schneller die materielle Ebene - ab C 12 kein Atom
der Ursubstanz. Eine späte Entwicklung Hahnemanns stellen die sogenannten
LM-Potenzen (Quinta-Centesimal-Potenzen) dar, die den Hochpotenzen entsprechen,
aber in der Therapie leichter zu handhaben sind. Die damit zusammenhängenden
fachlichen Probleme interessieren uns hier jedoch nicht.
Stellt schon die Tatsache, dass in den Medikamenten
"nichts" von dem, was die Aufschrift verspricht, enthalten ist, vor
einige Probleme, so vergrößert die Dosierung die Verwirrung noch um einiges.
Bekommt ein Patient zum Beispiel eine D 6 verschrieben, so muss er von dieser
eventuell alle zwei Stunden eine Gabe nehmen - eine Gabe = immer sieben Tropfen
oder sieben Globuli. Homöopathische Medikamente gibt es nämlich nicht nur in
flüssiger Form, sondern auch als kleine Milchzuckerkügelchen, die sogenannten
Globuli. In diesem Fall entspricht der Milchzucker dem Lösungsmittel Alkohol.
Von einem Medikament in der dreißigsten Potenz (D
30) darf er nur einmal am Tag eine Gabe einnehmen, eine D 200 bekommt er nur
ein einziges Mal und dann sechs Wochen kein weiteres Medikament. Es ist für
einen an Tablettenkonsum gewöhnten Bürger ein sehr eigenartiges Gefühl, von
einem Medikament sieben Tropfen zu erhalten und zu hören, er möge sich nach
sechs Wochen wieder einmal melden - und das bei einer D 200, "wo doch
schon so lange gar nicht mehr drin ist".
Die Verwirrung steigert sich noch, wenn man erlebt,
dass ein Homöopath einer Frau das gleiche Medikament, das ihrem Ehemann so gut
bei seiner Mandelentzündung geholfen hat, nun gegen ihre Krampfadern
verschreibt. Dafür bekommt die Ehefrau bei der nächsten Mandelentzündung wieder
ein gänzlich anderes Mittel. So fällt es auch auf, dass auf den Medikamenten
keinerlei Hinweise zu finden sind, wo sie helfen.
Bei so viel Ungereimtheiten sollte es nicht zu sehr
verwundern, wenn die Spötter ein leichtes Spiel haben, Homöopathie als
Aberglauben hinzustellen. Auf der anderen Seite stehen die Erfolge, die so
eindeutig sind, dass auch Schlagworte wie Placebo-Effekt, Spontanheilungen,
Autosuggestion nur wie Ausreden klingen. Einen homöopathischen Arzt, der
dreißig Jahre lang seine Praxis ausschließlich homöopathisch führt, zu
verdächtigen, er arbeite ausschließlich mit der Einbildungskraft seiner
Patienten, ist lediglich ein Zeichen für naive Dummheit. Wenn dem nämlich so
wäre, müsste sich die Schulmedizin schämen, nicht ebenso viele Erfolge mit
Placebo-Effekten zu erzielen. Warum aber auch Tiere bereit sind, per
Einbildungskraft dem Homöopathen Erfolge zu verschaffen, wartet wohl noch auf
eine wissenschaftliche Erklärung.
Man könnte an dieser Stelle eine ganze Reihe rein
experimenteller Beweise für die Wirksamkeit der homöopathischen Medikamente
anführen - Kristallisationstext nach Pfeiffer, Kapillardynamolyse nach Kolisko,
Medikamententext nach Voll und so weiter. Doch es geht nicht darum, den
Unverständigen etwas zu beweisen, was sie weder verstehen können noch wollen.
Vielmehr setze ich die allen anderen schulmedizinischen Verfahren bei weitem
überlegene Wirksamkeit der Homöopathie hier voraus. Denn sie ist eine Tatsache,
von der sich jeder selbst überzeugen kann, wenn er will. Interessanter als alle
funktionalen Beweise sind nämlich die Überlegungen, wie und warum gerade die
Homöopathie heilen kann und warum sie in allen Punkten der üblichen
medizinischen Vorstellungswelt widerspricht.
Alle Widersprüche lösen sich schnell, wenn wir zwei
Begriffe auseinanderhalten: Information und Informationsträger. Betrachten wir eine
Tonbandkassette: Sie besteht aus einem Plastikgehäuse und einem beschichteten
Kunststoffband. Mit dieser Kassette kann man beispielsweise ein Konzert oder
einen Vortrag aufnehmen. Vortrag oder Musik sind die Information, die Kassette
lediglich der Informationsträger. Zwei Kassetten, eine mit dem Vortrag, die
andere aber mit Musik bespielt, ließen sich materiell nicht voneinander
unterscheiden, trügen sie nicht eine unterschiedliche Beschriftung.
Ebenso verhält es sich mit einem Buch. Das Buch
selbst besteht aus Papier, Leim und Druckerschwärze. Der Inhalt könnte eine
Abhandlung über die Geschichte Europas sein. Gibt man dieses Buch einem Team
von Wissenschaftlern mit dem Auftrag, es bis in die Atomstruktur zu
analysieren, so würde man anschließend eine Liste erhalten mit dem Gewicht des
Buches, seinen genauen Maßen, den Ergebnissen der Spektralanalyse, der genauen
chemischen Zusammensetzung und so weiter. Nur eines würde in den
Analyse-Ergebnissen nicht mehr auftauchen: die Geschichte Europas. Der Inhalt
des Buches, dessen eigentliche Information, ist bei der Analyse
verlorengegangen.
Aus der Sicht der Homöopathiegegner müsste das
komplexe Buchangebot eine reine Betrügerei sein, denn alle Bücher bestehen im
großen und ganzen aus demselben Material und tragen lediglich unterschiedliche
Aufschriften. Dass den unterschiedlichen Titeln auch unterschiedliche Inhalte
entsprechen, lässt sich messtechnisch im Labor nicht mehr feststellen.
Information ist immer etwas Immaterielles und
braucht zur Weitergabe einen materiellen Träger. Ein solcher Informationsträger
kann aus den verschiedensten Substanzen - Tonband, Schallplatte, Papier, Holz,
Stein, Metall, Luft und so weiter - bestehen und dennoch immer die gleiche
Aufgabe erfüllen. Gleiche Informationsträger können die unterschiedlichsten
Informationen weitergeben, gleiche Informationen könnten unterschiedlichsten
Trägern anvertraut werden. Gewöhnlich kommt es primär auf die Information und
nichts so sehr auf das Trägermaterial an. Möchte man Goethes Faust kennen
lernen, so ist es sekundär, ob ich den Text
auf Papier gedruckt, Metall geritzt oder auf Band gesprochen habe.
Wichtig ist die Information selbst.
Bekomme ich ein Buchexemplar von Goethes
"Faust", so genügt dieses eine Exemplar für die Informations-Übermittlung.
Zehn weitere Bände des gleichen Buches bringen nicht mehr Information.
Übertragen wir diese einfachen Beispiele auf unser
Problem. Wir sagten bereits, dass bei einer Krankheit immer der Mensch krank
ist, niemals die Materie. Materie also solche kann nicht erkranken, weil alle
Materie an sich "krank" ist. Im Körperlichen zeigen sich lediglich
die Fußspuren der Krankheit. Will man heilen, so muss dies immer - wie wir
bereits betonten - mit einer Bewusstseinserweiterung einhergehen. Bewusstseinserweiterung
ist aber Informationszufluss. Erhebt ein Medikament den Anspruch
"Heilmittel" (= Heilvermittler) zu sein, so muss dieses Heilmittel
die dem Menschen fehlende Information übertragen.
Erinnern wir uns an die Entsprechung des Menschen
als Mikrokosmos zum Makrokosmos, so muss alles dem Mikrokosmos Mensch Fehlende
im Makrokosmos vorfindbar sein. Alle Prinzipien sind im Makrokosmos als
Mineralien, Tiere oder Pflanzen individualisiert. Das Wesentliche einer
Heilpflanze ist gerade ihre Individualität, ihre Seele als Repräsentant eines
Urprinzips, die sich in ihrem körperlichen Organismus ausdrückt. Fehlt einem
Menschen ein Urprinzip - der Arzt fragt: Was fehlt Ihnen denn? -, so kann man
es im Makrokosmos suchen und dem Kranken diese Information einverleiben. Dafür
ist es aber notwendig, die Information einer Pflanze, eines Minerals, Tieres
usw. von seiner korporalen Erscheinungsform zu lösen, sie aus dem materiellen
Verhaftetsein zu befreien und diese befreite Information an einen geeigneten
Informationsträger zu koppeln, um sie weitergeben zu können.
Genau dies geschieht durch die Potenzierung in der
Homöopathie. Bei dem beschriebenen Vorgang wird schrittweise (!) das
Wesentliche der Pflanze, ihre Individualität, von ihrer korporalen Form gelöst
und gleichzeitig die freiwerdende Information an einen neuen, neutralen Träger
- Alkohol, Milchzucker - gebunden. Je länger man das macht, um so höher die
Potenz wird, um so mehr erlöst man sie aus ihrer materiellen Gefangenheit und
um so stärker kann sich ihre Information im nichtmateriellen Raume entfalten.
Deshalb steigt mit der Potenz die Wirksamkeit so
gewaltig, dass von der D 200 oft nur zwei Tropfen oder Kügelchen gegeben
werden, und bis dahin unheilbare Krankheiten verschwinden für immer. Würde man
versehentlich statt zwei Kügelchen ein ganzes Pfund schlucken, so würde auch
nicht mehr oder weniger geschehen, denn wir sagten schon bei unserem
Buchbeispiel, dass zehn weitere Bücher nicht mehr Information bringen können
als eins. Hundert gleiche Visitenkarten sagten nicht mehr über eine Adresse aus
als eine einzige. Da es dem wahren Homöopathen nur auf die Information ankommt,
arbeitet er fast ausschließlich mit Potenzen über der D 30, weil die niederen
Potenzen durch ihre materiellen Anteile noch körperliche Umwege gehen, weshalb
sie auch in häufigeren Dosen verabreicht werden müssen.
Wer die Potenzierung als schrittweisen
"Vergeistlichungsprozess" der Materie verstanden hat, erkennt auch
den Unterschied zwischen einer Verdünnung und einer Potenzierung eines Stoffes.
Daher hat das Bild von dem einen Tropfen in den Bodensee keinen Bezug zur
Homöopathie, denn es kommt nicht auf die Verdünnung des Stoffes an, das
Wesentliche besteht im Potenzieren. Homöopathie im Sinne Hahnemanns ist nicht
eine Therapie "mit ganz geringen Arzneimengen", sondern eine ohne
materielle Arzneien.
Dies sei betont, weil eine Gruppe sich
"kritische" nennender Homöopathen sich lautstark gegen die hohen
Potenzen ausspricht und die niederen Potenzen über materielle Theorien dem
schulmedizinischen Denksystem anpassen will. Anpassung esoterischer Disziplinen
durch unkompetente Nachfolger ist jedoch immer Verrat und zeugt lediglich von
der Profilneurose derer, die sie betreiben Schon Paracelsus sagte: "Was
die Zähne kauen, ist die Arznei nit; niemand sieht die Arznei. Es liegt nit am
Leib, sondern an der Kraft."
Das
Prinzip der Ähnlichkeit
Nach diesem Versuch, Herstellung und Wirkung der
homöopathischen Mittel zu verdeutlichen, kommen wir zum Kern: Wie kann ich
feststellen, welche Information dem Kranken fehlt, und wie erkenne ich, worin
sich im makrokosmischen Bereich die fehlende Information manifestiert? Die
Antwort finden wir in der klassischen Formulierung Hahnemanns: "Similia
similibus curantur", oder auf deutsch: "Das Ähnliche möge durch das
Ähnliche geheilt werden."
Diese
Ähnlichkeitsanweisung ist das Kernstück der Homöopathie und überragt in seiner
Gültigkeit das Gebiet der Heilkunde bei weitem. Die konkrete Durchführung
dieser Anweisung geschieht wie folgt: Fast jede in der Natur vorkommende
Substanz ist giftig. Die Giftigkeit der verschiedenen Substanzen unterscheidet
sich lediglich in der Dosis, die für eine Giftwirkung notwendig ist. So ist für
die Giftwirkung von Kochsalz eine wesentlich größere Menge notwendig als für
die Giftwirkung von Quecksilber. Doch jede Substanz zeitig ab einer gewissen
Menge Vergiftungserscheinungen im menschlichen Organismus.
Die Homöopathie bedient sich der
Arzneimittelprüfung an Gesunden; ein Mensch nimmt von einer Substanz (Mineral,
Pflanze usw.) so viel zu sich, dass der gesunde Organismus krank wird. Alle
dabei auftretenden Symptome werden auf das genaueste beobachtet und
protokolliert. So erhält man das Vergiftungsbild beziehungsweise das
Arzneimittelbild einer bestimmten Substanz. Zwar zeigt ein solches durch
Vergiftung erzeugtes Krankheitsbild immer nur die individuelle, subjektive
Reaktion eines Körpers auf die Substanz, aber durch die wiederholte Prüfung der
gleichen Substanz an verschiedenen Individuen lässt sich ein charakteristisches
Wirkungsbild eines bestimmten Mittels aufstellen.
Bei der Arzneimittelprüfung nimmt der gesunde
Mensch ein Arzneimittel und wird hiervon krank. Findet der Arzt eine Kranken,
dessen Summe der Symptome eine große Ähnlichkeit mit dem Krankheitsbild hat,
das durch ein bestimmtes Mittel am Gesunden erzeugt wurde, so ist dieses Mittel
das "Simile", das heißt das richtige Arzneimittel, das in der Lage
ist, den Kranken zu heilen. Allerdings bekommt der Kranke den Arzneistoff nicht
in der materiellen (giftigen) Form.
Es sei nochmals wiederholt: Ein Arzneimittel, z.B.
Belladonna, ruft auf Grund der Giftwirkung beim Gesunden eine Krankheit mit
charakteristischen Symptomen hervor. Hat ein Kranker, der kein Belladonna
genommen hat, ein Symptombild, das mit dem Vergiftungsbild von Belladonna eine
Ähnlichkeit zeigt, so ist Belladonna in der potenzierten Form das passende
Heilmittel für diesen Patienten. Denn Similia similibus curantur - das Ähnliche
wird durch das Ähnliche geheilt.
Hier zeigt sich wieder die ganze Bedeutung des
Polaritätsgesetzes: Das, was für den Gesunden Gift ist, ist für den Kranken das
Heilmittel. Es ist wohl kein Zufall, dass im Griechischen das Wort Pharmakon
sowohl Gift als auch Heilmittel bedeutet.
Auf die beschriebene Weise wurden von den Pionieren
der Homöopathie einige tausend verschiedene Arznei-mittel am eigenen Körper auf
ihre Vergiftungssymptome hin geprüft. Der Arzt machte sich selbst krank und
wurde ein Mit-Leidender: Die eigentliche Bedeutung von Homöopath ist homoin -
ähnlich, pathein - leiden. So, wie aus dem Gift durch Potenzierung ein
Heilmittel wird, so wird aus dem Arzt, der freiwillig in die Krankheit
hinabsteigt, der wahrhaft Heilende, weil er im Leid dem Kranken ähnlich wird.
Schon an dieser Stelle drängt sich der Gedanke an Christus auf, der als Gott
freiwillig ein leidender Mensch wurde, um so homöopathisch - durch ähnliches
Leid - den Menschen erlösen zu können.
Obwohl
schon unglaublich viele Stoffe auf ihre Arzneimittelwirkung hin überprüft
wurden, müssen immer weitere Stoffe dieser Prüfung unterzogen werden. auch wenn
dadurch das Finden der richtigen. "ähnlichen" Arznei im Einzelfall
immer schwieriger wird. Doch die Homöopathie ist mit ihrer Arbeit erst am Ende,
wenn sie den gesamten Makrokosmos auf seine Gift- und damit auf seine
Heilwirkung geprüft hat.
Wenn wir uns erinnern an das, was wir im
Zusammenhang mit der Astrologie über die Erkrankung an einem Urprinzip gesagt
haben, dann muss die Arbeitsweise der Homöopathie immer klarer werden. Der
Mensch als Mikrokosmos enthält in sich die Summe aller Urprinzipien in Form
nichtmaterieller Einheiten. Der Markokosmos enthält ebenfalls all diese
Urprinzipien, aber in ihrer gestürzten, sündigen Form, gefesselt in der
Dunkelheit der materiellen Erscheinungsweise. Der Sturz aus dem Reiche der
Ideen in das Reich der Materie macht die Prinzipien giftig, denn giftig ist der
Gegenpol von heil, heilig. Deshalb wurde oben gesagt, dass die materiellen
Substanzen nie heilen können, denn sie sind selbst ja noch nicht erlöst.
Nimmt ein Gesunder ein solches Urprinzip in seiner
materiellen Erscheinungsform, so vergiftet er sich und wird krank. Im Kranken
geschieht jedoch das gleiche. Im Kranken stürzt eines "seiner"
Urprinzipien in die materielle Form, "wird dumm" (Fritsche) und materialisiert
sich in seinem Körper als Stoff. Dieses verstofflichte Urpinzip vergiftet ihn
nun, und so wird er krank. Ihm fehlt jetzt dieses Urprinzip auf der
nichtstofflichen Ebene, dafür erlebt er dessen Giftwirkung auf der körperlichen
Ebene.
Der Homöopath, dessen schwierige Aufgabe es ist,
herauszufinden, an welchem Urprinzip der Kranke erkrankt ist, gibt ihm das
fehlende Urprinzip als Arznei, das zwar aus dem Makrokosmos stammt, aber durch
die Potenzierung erlöst und so in die nichtmaterielle Form zurückverwandelt
wurde. Der Kranke bekommt, was ihm fehlt. Diese Information sorgt dafür, dass
im körperlichen Bereich das stofflich und giftig gewordene Urprinzip
aus-geschieden wird. Man kann diese Ausscheidung experimentell messen: Bekommt
ein Patient eine Gabe Sulfur D 200 (Schwefel), so scheidet sein Körper
plötzlich ungefähr sechshundertmal soviel Schwefel aus wie normalerweise - bis
zu 5,76 Gramm täglich.
Mit dem Simileprinzip hat Hahnemann ein Urprinzip
gültig formuliert. Heilung kann nur durch Ähnlichkeit erfolgen - weshalb man
jedes therapeutische System daran messen kann, ob es dem homöopathischen
Prinzip gerecht wird oder nicht. Die Schulmedizin denkt allopathisch, sie
versucht durch das Gegenteil - per contraria - zu heilen. Das Gegensatzprinzip
widerspricht dem Weltgesetz. Widerstand erzeugt immer Widerstand, man kann
damit Effekte erzielen, aber nicht heilen. Das wussten alle großen Ärzte;
bereits zweihundert Jahre vor Hahnemann sagte der große Paracelsus: "Auf
keine Weise wird eine Krankheit per contraria - also mit den gegensätzlichen
Mitteln geheilt -, sondern mit Hilfe des Simile" (sed quodlibet suo
simile).
Im "Paragranum" schreibt Paracelsus:
"Weißt Du, dass eine Krankheit arsenikalisches Gepräge hat, so zeigt Dir
das die Kur an. Denn Arsenik heilt Arsenik, Anthrax heilt Anthrax, wie Gift nun
einmal Gift heilt. Darum heilt ein Mensch den anderen - und zwar weil die
gleiche Anatomie da ist; gleiche Anatomie heilt wechselseitig." Paracelsus
kannte bereits das Simileprinzip, doch noch nicht die Arzneimittelherstellung
durch Potenzieren. Statt dessen verarbeitete er seine Arzneien alchemistisch.
In der alchemistischen Zubereitung von Arznei geschieht jedoch die gleiche
Transmutation vom Gift zur Arznei, lediglich auf eine andere Weise wie bei der
Potenzierung
Abschließend sei nochmals an die im vorigen Kapitel
skizzierte Astrotherapie erinnert, deren homöopathische Struktur jetzt noch
besser verstanden werden kann. Leidet jemand am Saturnprinzip, so bekommt er
als Heilmittel ebenfalls Saturnprinzipien verordnet. Der Depressive braucht
deshalb einen schwarzen Raum, nicht bunte Farben und so weiter.
Allen gemeinsam ist die Anschauung, dass jedes
Kranksein eine mikrokosmische Wiederholung dessen ist, was wir Sündenfall
nennen, und deshalb jede Heilung ebenfalls ein Erlösungsprozess im Kleinen sein
muss.
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