Die
Polarität der Wirklichkeit
(Anm.
d. Verf.: Das Polaritätsgesetz)
Das Polaritätsgesetz ist die Grundlage der
hermetischen Philosophie. Viele menschliche Irrtümer könnten vermieden werden,
würde das Polaritätsgesetz besser verstanden. Der Weg des Menschen führt über
die Auseinandersetzung mit der Polarität. Das Ziel des Weges ist die
Überwindung der Polarität.
"Was ist das? Am Morgen geht es auf vier, am
Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen", lautete das Rätsel der
Sphinx. Tod und Vernichtung warteten auf die Menschen, die das Rätsel nicht
lösen konnten. Ödipus wusste die Antwort. Es ist der Mensch. Er krabbelt in der
Kindheit auf allen vieren, am Mittag des Lebens geht er auf zwei und im Alter
wird sein Stock zum dritten Bein.
Doch dies ist lediglich die exoterische Bedeutung
der Frage. Es wäre auch kaum angemessen, auf das Versagen vor einer Scherzfrage
die Todesstrafe anzusetzen. Vielmehr wird hier nach den Hauptstationen des
Menschenweges gefragt, deren Nichtbewältigung buchstäblich tödlich ist. Die
Zahl Vier ist seit alten Zeiten ein Symbol für die Materie, die das Kreuz des
Menschen darstellt. Über die Auseinandersetzung mit dem Stofflichen und
Materiellen, welche der Anfang des Evolutionsweges ist (Morgen), soll der
Mensch die Polarität begreifen lernen, welche durch die Zahl Zwei symbolisiert
ist. Doch erst die (Er-)lösung der Polarität in einem Dritten bringt ihn an den
Abend der Vollkommenheit. Nur wer diese Aufgabe löst, erringt das ewige Leben.
Das Polaritätsgesetz wirkt anfänglich zu einfach,
zu selbstverständlich, als dass es lohnend erschiene, sich damit näher zu
beschäftigen. Alles, was der Mensch in der Welt der Erscheinungsformen
vorfindet, und alles was der Mensch sich vorstellen kann, offenbart sich ihm
immer in zwei Polen. Es ist dem Menschen unmöglich, sich eine Einheit außerhalb
der Polarität vorzustellen. Zahlensymbolisch heißt dies, dass die Zahl Eins
nicht denkbar ist, solange die Zwei noch nicht erschaffen ist, die Eins setzt
die Zwei voraus.
Auf der geometrischen Ebene ist dies leichter
nachvollziehbar. Das geometrische Symbol der Eins ist der Punkt - ein Punkt
besitzt weder räumliche noch flächige Ausdehnung, sonst wäre er eine Kugel oder
eine Scheibe. Der Punkt besitzt keine Dimension. Einen solchen Punkt können
sich Menschen aber gar nicht vorstellen, denn jede Vorstellung eines Punktes besitzt
immer eine Ausdehnung, auch wenn er noch so klein ist. Diese Einheit ist also
für den Menschen unbegreiflich
Sein Bewusstsein gehorcht dem Gesetz der Polarität.
Es untersteht der Zwei. So gibt es plus und minus, Mann und Frau, elektrisch
und magnetisch, sauer und alkalisch, Dur und Moll, gut und böse, Licht und
Finsternis. Die Reihe ließe sich unendlich verlängern, da es zu jedem Begriff
einen Gegenpol gibt. Solche Begriffspaare nennen wir Gegensätze, und wir sind
gewohnt, im konkreten Fall die Frage "Entweder-Oder" zu stellen. Wir
versuchen ständig alle Phänomene Begriffspaaren zuzuordnen. Etwas ist entweder
große oder klein, hell oder dunkel, gut oder böse. Wir sind der Meinung, dass
diese Gegensätze einander ausschließen - hier liegt unser Denkfehler.
Die Wirklichkeit besteht aus Einheiten, die sich
jedoch dem menschlichen Bewusstsein nur polar offenbaren. Wir können die
Einheit als Einheit nicht wahrnehmen. Woraus wir nicht folgern dürfen, dass
diese nicht existiert. Die Wahrnehmung der Polarität setzt zwangsläufig die
Existenz einer Einheit voraus. Die Zwei kann immer nur Folge der Eins sein. Wir
sehen die Einheit immer nur in zwei Aspekten, die uns gegensätzlich erscheinen.
Doch gerade Gegensätze bilden zusammen eine Einheit und sind in ihrer Existenz
voneinander abhängig.