Vergleichen
wir die Wirklichkeit mit einem Kreis, so teilt die Wissenschaft den Kreis von
der Peripherie her in viele Segmente, in Spezialdisziplinen ein (Medizin, Physik,
Chemie, Biologie, und so weiter). Durch die Erforschung all dieser
Spezialgebiete hofft man, sich irgendwann einmal im Zentrum des Kreises zu
treffen. Dieses Ziel rückt aber leider in immer unerreichbarere Ferne, da die
hohe Spezialisierung die interdisziplinäre Verständigung immer schwieriger
werden lässt. Die esoterische Beschäftigung beginnt nicht an der Peripherie,
sondern im Zentrum des Kreises. Die Esoterik erforscht die universalen Gesetzmäßigkeiten - haben
wir diese erkannt, müssen wir sie lediglich auf die verschiedenen Segmente des
Kreises, auf die verschiedenen Spezialgebiete projizieren. Ein solches Wissen
ist dem des Spezialisten überlegen, da es den Bezug zu allen anderen Gebieten
hat und jedes Spezialgebiet adäquat in die Wirklichkeit einordnen kann. Das
esoterische Denken folgt einem Grundprinzip, dessen sprachliche Formulierung
zurückgeht auf den Stammvater der Esoterik, die nach ihm ja auch die
"hermetische Philosophie" genannt wird: Hermes Trismegistos. Dieser
"dreimal große Hermes" war Priester und Eingeweihter in Ägypten,
seine genaue Biographie verliert sich im Dunkel der Geschichte. Er schrieb die
Quintessenz aller Weisheit in fünfzehn Thesen auf eine Tafel aus grünem
orientalischem Korund nieder. Die Tafel, die seit langer Zeit verschollen ist,
ging in die Geschichte unter dem Namen "Tabula smaragdina" ein. Der
Text dieser Smaragdtafel sei hier in deutscher Sprache wiedergegeben:
Die Tabula smaragdina des Hermes
Trismegistos
1. Wahr ist es und ohne Lügen, gewiss und aufs allerwahrhaftigste.
2. Dasjenige,
welches Unten ist, ist gleich demjenigen, welches Oben ist:
Und dasjenige, welches Oben ist, ist
gleich demjenigen, welches Unten ist,
um zu vollbringen die Wunderwerke eines
einzigen Dinges.
3. Und gleich wie von dem einigen
GOTT erschaffen sind alle Dinge, in der
Ausdenkung
eines einzigen Dinges. Also sind von diesem einigen Dinge
geboren alle Dinge, in der
Nachahmung.
4. Dieses Dinges Vater ist die
Sonne, dieses Dinges Mutter ist der Mond.
5. Der Wind hat es in seinem
Bauche getragen.
6. Dieses Dinges Säugamme ist
die Erde.
7. Allhier bei diesem einigen
Dinge ist der Vater aller Vollkommenheit der ganzen
Welt.
8. Desselben Dinges Kraft ist ganz beisammen, wenn es in Erde verkehret
worden.
9. Die Erde mußt du scheiden vom
Feuer, das Subtile vom Dicken,
lieblicherweise,
mit einem großen Verstand.
10. Es steiget von der Erden gen
Himmel, und wiederum herunter zur Erden, und
empfänget
die Kraft der Oberen und der Unteren Dinge.
11. Also wirst du haben die
Herrlichkeit der ganzen Welt. Derohalben wird von dir
weichen
aller Unverstand. Dieses einige Ding ist von aller Stärke die stärkeste
Stärke,
weil es alle Subtilitäten überwinden und alle Festigkeiten durchdringen
wird.
12. Auf diese Weise ist die Welt
erschaffen.
13. Daher werden wunderliche
Nachahmungen sein, die Art und Weise derselben
ist
hierin beschrieben.
14. Und also bin ich genannt Hermes
Trismegistos, der ich besitze die drei Teile der
Weisheit
der ganzen Welt.
15. Was ich gesagt habe von dem
Werk der Sonnen, daran fehlet Nichts, es ist
ganz
vollkommen
Ich weiß, wie nichtssagend dieser Text anfangs auf
den modernen Menschen wirkt. Dies liegt jedoch nicht am Text, sondern an
unserem Verständnis. In diesen fünfzehn Thesen ist alles Wissen
zusammengefasst, das dem Menschen jemals zugänglich ist. Der Text beschreibt
die Schöpfung dieses Universums und gleichzeitig die Herstellung des
alchemistischen Steins der Weisen. Für den, der diesen Text ganz versteht,
werden alle Bibliotheken überflüssig, denn er besitzt die ganze Weisheit,
"daran fehlet nichts, es ist ganz vollkommen".
Solche Behauptungen mögen sich wie phantastische
Schwärmerei anhören und für manchen Grund genug sein, an dieser Stelle sein
Interesse für Esoterik endgültig wieder aufzugeben. Wer sich jedoch die Mühe
macht, durch Studien in die hermetische Sprache und Symbolik immer tiefer
einzudringen, wird irgendwann einmal die Bedeutung dieses Textes selbst erleben
können.
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